Stolpersteine für Zittau



 

Stolpersteine für Zittau

Stolpersteine, das sind kleine Betonquader, darauf Messingplatten, die in wenigen Worten an Menschen erinnern, die während der NS- Herrschaft verfolgt und ermordet wurden. Bündig eingelassen in den Bürgersteig vor den Häusern, in denen sie gelebt haben, erinnern diese „Denkmale von Unten“, lassen uns für einen Moment innehalten und nachdenken. So versteht der Kölner Künstler Gunter Demnig seine Installationen. Inzwischen lassen Initiativen in ganz Deutschland und Europa Stolpersteine in ihren Orten verlegen. Die Verlegung wird ausschließlich aus Spenden finanziert.

Fotos zur Stolpersteinverlegung 2005 und 2007 finden Sie unter Initiative in Bildern

Übersicht

 

 

DR. MAX BRINITZER

Max Brinitzer wurde am 21. April 1889 in Zittau geboren. Seine Eltern Adolph und Henriette wohnten auf der Inneren Weberstraße 17 und betrieben hier ein kleines Wäsche-Geschäft. Nach dem Abitur 1909 studierte Max Brinitzer in Berlin Medizin. Als junger Arzt nahm er in einem Seuchenlazarett in Frankreich am 1. Weltkrieg teil.

Nach dem Kriege eröffnete er als Kassenarzt eine Praxis in der Inneren Weberstraße 17, 1935 in der Hochwaldstraße. 1939, nach Entzug der Approbation zog er in die Hospitalstraße 4a (heute Dr.-Brinitzer-Straße). Seine nichtjüdische Ehefrau Elly Brinitzer stand ihm in diesen Jahren zur Seite. Beide mussten zur Zwangsarbeit. Max Brinitzer klebte in einer Werkstatt in der Äußeren Weberstraße Einlegesohlen. Elly Brinitzer arbeitete in einer Munitionsfabrik in Eckartsberg. 1942 erkrankte Max Brinitzer schwer, durfte aber weder behandelt noch operiert werden. Für den 16. Februar 1944 hatte er den Deportationsbefehl. Der Luftangriff verhinderte die Deportation. Max Brinitzer konnte untertauchen. Nach der Befreiung wurde er Amts- und Kreisarzt sowie Leiter des Gesundheitsamtes.

Am 21. August 1946 starb Max Brinitzer an den Leiden und Misshandlungen der NS-Zeit.

 

ELIAS COHN UND BETTY ADAM

Elias Cohn wurde am 24. Januar 1879 in Wollstein im damaligen Posen geboren. Ab 1913 führte er ein Textilwarenkaufhaus in der Reichenberger Straße 22 in Zittau. 1935 musste er das Kaufhaus aufgeben und das Haus verkaufen. Er zog in sein Haus in der Uferstraße 16 (heute Külzufer). Ab 1939 lebten in diesem Haus auch Elwina und Gertrud Cohn sowie Betty Adam, die offensichtlich mit Elias Cohn verwandt waren. Die Schicksale von Elias Cohn und Betty Adam sind bekannt. Was mit den beiden anderen Frauen geschehen ist, ist nicht bekannt.

1942 teilte der Zittauer Oberbürgermeister Zwingenberger dem Einwohnermeldeamt mit, dass Elias Cohn von der „Judenliste“ zu streichen sei, „da er am 24. Januar 1942 in Untersuchungshaft in Leutendorf (Sud.)“ gestorben sei. In Leutendorf befand sich allerdings kein Untersuchungsgefängnis, sondern ein Arbeitslager, dessen Häftlinge vor allem im Steinbruch und im Straßenbau arbeiten mussten. Dieses Lager ähnelt dem von Groß Rosen, basierte also auf dem Prinzip „Vernichtung durch Hunger und Arbeit“.

Betty Adam, geborene Biberfeld, wurde am 17. April 1870 in Lissa (Posen) geboren. Sie kam wahrscheinlich 1939 nach Zittau und wohnte bei Elias Cohn in der Uferstraße 16. Am 8. September 1942 wurde sie mit dem Transport V/6 von Dresden nach Theresienstadt deportiert. Laut Theresienstädter Gedenkbuch ist Betty Adam am 26. März 1944 umgekommen.


 

OLGA DIENSTFERTIG UND ELSA GÜCKEL

Olga Dienstfertig wurde als erstes Kind des Handelsmannes David Felix und seiner Frau Rosa, geborene Werner, am 17. Juli 1876 im böhmischen Rackonitz geboren. Die Eltern sind auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Ab 1924 wohnte Olga Dienstfertig mit der Familie ihrer Tochter im Haus Breite Straße 1. In ihrer Wohnung betrieb sie ein kleines Textilgeschäft. 1937 musste die Familie die Wohnung aufgeben. Olga Dienstfertig lebte für einige Monate am Mandauer Berg 12 (heute 8) bei der Familie Mandelbaum. 1938 zog sie in das Henriettenstift, das jüdische Altersheim in Dresden.

Am 14. Juli 1942 wurden die meisten Bewohner des Altersheims nach Theresienstadt deportiert, darunter auch Olga Dienstfertig. Laut Theresienstädter Gedenkbuch kam sie dort am 29. Dezember 1942 um.

Elsa Gückel, geboren am 6. August 1900 in Zittau, war das einzige Kind von Olga Dienstfertig. Ihre Tochter Marianne, Jahrgang 1922, erzählt über die Jahre bis zu den Nürnberger Rassegesetzen von einer behüteten Kindheit. Lange versuchten die Eltern Alltagsprobleme jener Zeit von ihr fernzuhalten. Ab 1935 ging dies nicht mehr. Die Mutter durfte als Volljüdin nicht mehr Kino, Theater oder Ausstellungen besuchen. Marianne selbst durfte als „Halbjüdin“ nicht auf die Höhere Schule gehen. 1938 musste die Familie die Wohnung auf der Breite Straße verlassen und zog in eine wesentlich kleinere und billigere „Sozialwohnung“ in der Nordstraße 15. Der Druck auf den Vater, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, nahm zu. Anfang 1944 hielt er diesem Druck nicht mehr Stand und reichte die Scheidung ein.
Pfingsten 1944 wurde Elsa Gückel verhaftet. Wahrscheinlich fiel sie einer Denunziation zum Opfer. Nach einer Nacht im Gestapo-Keller des Zittauer Rathauses wurde sie nach Bautzen gebracht und von dort aus nach Auschwitz deportiert. Die letzte persönliche Nachricht ist eine Geburtstagskarte an ihre Tochter, die in Neisse am 6. August abgestempelt, also offensichtlich aus dem Zug geschmuggelt wurde.

Nach bisherigen Recherchen ist Elsa Gückel Anfang 1945 in Bergen-Belsen umgekommen.


 

LEO ELEND

Leo Elend trat 1929 die Stelle des Religionslehrers und Predigers in der Israelitischen Religionsgemeinde in Zittau an. Innerhalb wurde er als Lehrer und Mensch sehr geschätzt, insbesondere für seinen ausgeprägten Gemeinschaftssinn.

Zunächst wohnte er in der Komturstraße. Wenige Wochen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, wurde Leo Elend durch die SA verhaftet: „Das bei dem jüdischen Rabbiner beschlagnahmte Schriftmaterial richtet sich gegen die hinter der Regierung stehenden Parteien, so dass sich seine Inschutzhaftnahme erforderlich machte. In seiner Wohnung wurde überdies ein Schächtmesser für Geflügel beschlagnahmt, da das Schächten in Sachsen gesetzlich verboten ist.“ Wie lange und wo Leo Elend inhaftiert war, ist nicht bekannt. 1934 zog Leo Elend in die Reichenberger Straße 19. Vermutlich fühlte er sich hier sicherer. Das Haus gehörte Eugen Förder, einem Mitglied des Vorstandes der Gemeinde.

Im Juni 1938 übernahm Leo Elend die jüdischen Sonder klassen in Chemnitz. Von hieraus wurde am 10. November nach Buchenwald verschleppt. Im selben Monat wurden die Mittel für die jüdischen Schüler gestrichen und Leo Elend wurde entlassen.

Am 8. März 1939 schied Leo Elend freiwillig aus dem Leben. Seine Frau Bertha verließ wenig später Deutschland. Das Schicksal der Tochter Ruth ist unbekannt.

 
 

PAULA UND HERMANN KEIL

Paula und Hermann Keil waren 1930 aus Berlin nach Zittau gekommen und eröffneten in der Inneren Weber Straße 29 ein Hut-Geschäft. 1933 gehörten Hut-Keils zu den ersten jüdischen Geschäftsleuten, die denunziert wurden. Auf diesem Weg versuchten einige Zittauer und Löbauer, das Ehepaar Keil aus dem Geschäft zu drängen, zeigten sie an, weil sie angeblich zu niedrig Preise kalkulierten, Ramschware verkaufen und ihre Verkäuferinnen drangsalieren würden. Der Antrag der Putzmacherinnung auf „Gewerbeuntersagung wegen Unzuverlässigkeit“ muss mangels gesetzlicher Grundlage angelehnt werden. In den folgenden Jahren werden Paula und Hermann Keil immer wieder denunziert. Ende 1938 allerdings werden auch die „gesetzlichen Grundlagen“ geschaffen. „Hut-Keil“ wird zwangsarisiert. Zuvor allerdings erlebt die Familie Keil schreckliche Tage und Nächte. Noch am Abend des 9. November marschieren SA-Leute durch die Straßen. Am nächsten Morgen brennt die Synagoge. Die Fensterscheiben jüdischer Geschäftsleute werden zerschlagen, die Auslagen geplündert. Augenzeugen berichten später, dass durch die Innere Weber Straße Hüte flogen. Hermann Keil wird gemeinsam mit anderen jüdischen Männern verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. Am 29. Dezember wird er entlassen.

Kurz darauf verlassen Paula und Hermann Keil gemeinsam mit ihrem Sohn Georg Zittau. Georg Keil gelang die Flucht aus Deutschland. Er verstarb 2004 in Australien.

Paula und Hermann Keil wurden am 03.02.1943 nach Auschwitz deportiert. Sie gehörten wahrscheinlich zu jenen, die bei unmittelbarer Ankunft im Vernichtungslager „aussortiert“ wurden und sofort in den Gaskammern verschwanden.

 
 

EMMA UND ADOLF LACHMANN

Emma und Adolf Lachmann kamen schon 1902 nach Zittau. Sie eröffneten in der Bautzner Straße das Kurzwarengeschäft „Fließ & Co.“. Auch im Falle Lachmanns griff man zum Mittel der Denunziation. So bekam ein Zittauer Friseurmeister, selbst langjähriges NSDAP-Mitglied, große Schwierigkeiten, weil Adolf Lachmann nicht nur ein Kunde bei ihm war, sondern er ihm wie allen Kunden auch noch die Hand zum Abschied schüttelte. Wer bei Lachmanns oder im Reichenauer Geschäft „Fließ & Co.“ einkaufte, lief Gefahr, im „Stürmer“ per Leserbrief denunziert zu werden. Während der „Reichspogromnacht“ im November 1938 wurden auch in der Bautzner Straße 3 die Fensterscheiben eingeschlagen. Und wahrscheinlich gehörte auch Adolf Lachmann zu den nach Buchenwald verschleppten jüdischen Männern.

Emma und Adolf Lachmann zogen 1939 nach Berlin. Sie hofften, in der Anonymität der Großstadt die schlimmen Zeiten leichter zu überleben.

Am 14.08.1942 wurden Emma und Adolf Lachmann mit einem so genannten Alterstransport nach Theresienstadt und am 16.05.1944 nach Auschwitz deportiert. Sie kehrten nicht zurück.

 

PHILIPP UND JULIE HANN, LUDWIG HANN, PAULINE HELLER (geborene Hann)

Philipp Hann wurde am 11. Januar 1877 im böhmischen Münchengrätz geboren. Julie Hann, geborene Grünwald, wurde am 24. Oktober 1875 in Pschepersch geboren.

1905 kamen beide nach Zittau und eröffneten ein Schuhwarengeschäft am Rathausplatz, später in der Reichenberger Straße 19. 1928 erwarben sie ein Grundstück in der damaligen Bismarckallee 30, heute Weinauallee, und bauten für sich und ihre Söhne Ludwig und Walter die Villa „Haus Barbara“. 1930 kauften sie das Haus in der Reichenberger Straße 10 und richteten hier ein sehr modernes Schuhgeschäft ein. Während der „Reichspogromnacht“ wurden am 10. November 1938 auch die Schaufenster des Geschäfts zerschlagen. Nach Aussagen von Zeitzeugen wurde Philipp Hann durch SA-Leute geschlagen und gehörte zu den verhafteten jüdischen Männern, die nach Buchenwald verschleppt wurden. Wenige Wochen später wurde das Geschäft der Familie zwangsarisiert und erhielt einen „arischen“ Eigentümer. Der jüngste der Familie, Sohn Walter gelang die Emigration in die USA. Am 8. September 1942 wurden Philipp und Julie Hann über Dresden nach Theresienstadt deportiert. Am 23. November desselben Jahres starb Julie Hann, wie viele alte Menschen, gezeichnet von Hunger, Entkräftung und Krankheiten im Ghetto Theresienstadt. Am 31. Dezember 1943 wurde Philipp Hann nach Auschwitz verschleppt. Von dort kehrte er nicht zurück.

Bis 1937 lebte in Zittau auch die verwitwete Schwester von Philipp Hann, Pauline Heller, geboren am 25.05.1874 in Münchengrätz. Die letzten Monate vor ihrer Rückkehr nach Müchengrätz verbrachte sie wahrscheinlich im Haus Barbara. Am 14. Dezember 1941 wurde sie von Prag nach Theresienstadt deportiert und am 19. Oktober 1942 nach Treblinka.

Ludwig Hann wurde am 13. Mai 1906 in Zittau geboren. Er besuchte das Zittauer Realgymnasium, lernte den Beruf eines Kaufmanns und arbeitete im väterlichen Geschäft. 1938 emigrierte Ludwig Hann nach Prag. Hier lernte er Vera Lichtenstein, eine slowakische Jüdin kennen. Beide heirateten am 06. April 1941. Ihre Eltern, Verwandten und Freunde konnten nicht mit ihnen feiern. Sie durften ihren Wohnort nicht verlassen. Ludwig wurde am 04. Dezember 1942 nach Theresienstadt deportiert, kurz darauf auch Vera. Am 1. Oktober 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert. 14 Tage später folgte Vera ihm nach. Als sie in Auschwitz ankam, befand sich Ludwig Hann schon auf seiner Odyssee durch die Konzentrationslager, die mit seiner Ermordung am 20. Februar 1945 in Dachau endete. Vera Hann kam über Freiberg, wo sie in der Rüstungsindustrie arbeiten musste, nach Mauthausen. Hier wurde am 02. Mai 1945 Vera und Ludwigs Tochter Eva geboren.

Film "Stolpersteine für Zittau"

 

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